Egon Eiermann – Der Rationalist der Nachkriegsmoderne
Egon Eiermann (1904–1970) zählt zu den prägenden Figuren der deutschen Nachkriegsmoderne. Ausgebildet an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg unter Hans Poelzig, verband er eine tief verwurzelte Handwerkstradition mit einem konsequent rationalen Konstruktionsdenken. Seine Möbel entstanden nicht als isolierte Objekte, sondern im Zusammenspiel mit seiner Architektur, von der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin über die deutsche Botschaft in Washington bis zum Abgeordnetenhochhaus „Langer Eugen” in Bonn. Wer sich Eiermanns Entwürfen nähert, begegnet einer Haltung, die Funktion, Materialehrlichkeit und industrielle Fertigung als kulturelle Werte begreift.
Zentral für sein Möbelschaffen ist das seit den 1950er Jahren erarbeitete Tischgestell, das später als „Eiermann-Tisch” in die Designgeschichte einging. Das kreuzverspannte Stahlrohrgestell, seit den 1960er Jahren von Richard Lampert und in verschiedenen Varianten produziert, folgt einer Logik der Reduktion: sichtbare Verschraubung, klare Kräfteableitung, kein dekoratives Beiwerk. Parallel entwickelte Eiermann für die Möbelfabrik Wilde+Spieth in Esslingen eine Serie von Stühlen wie den SE 68 oder den SE 42, die formsperrholzbasierte Sitzschalen mit Stahlrohrgestellen kombinieren. Die Werkstätten-Philosophie, die Eiermann in Karlsruhe an seinem Lehrstuhl vertrat, verstand den Entwurf als Prozess zwischen Zeichenbrett und Werkbank, in dem Prototyp, Materialprobe und serielle Umsetzung ineinandergreifen.
Charakteristische Materialien und Konstruktionen
Eiermanns Materialkanon ist überschaubar und konsequent. Im Zentrum steht das lackierte Stahlrohr, meist in Schwarz, Weiß oder Chromoptik, das als tragende Struktur die Möbel definiert. Beim klassischen Eiermann-Tischgestell werden zwei Bockseiten über eine diagonale Kreuzverspannung stabilisiert, wobei die Zugstäbe die Schubkräfte aufnehmen. Diese Konstruktion erlaubt große Tischplatten aus Linoleum, furniertem Sperrholz, Massivholz oder später auch beschichteten Werkstoffen, ohne dass zusätzliche Zargen nötig wären.
Bei den Stühlen für Wilde+Spieth kommen formverleimte Sperrholzschalen zum Einsatz, häufig aus Buche, teilweise mit Teak- oder Palisanderfurnier in den frühen Serien. Die Verbindung zwischen Schale und Gestell erfolgt über sichtbare Schraubverbindungen, deren technische Präzision Eiermann als ästhetischen Wert verstand. Für Korbmöbel arbeitete er in den 1950er Jahren mit Heinrich Murmann zusammen und entwarf geflochtene Sessel, deren organische Formen einen bewussten Kontrapunkt zum industriellen Stahlrohr bilden. Diese Bandbreite von der Rattan-Handarbeit bis zur seriellen Metallverarbeitung zeigt Eiermanns Verständnis der Werkstatt als Ort, an dem unterschiedliche Fertigungslogiken gleichberechtigt nebeneinander stehen.
Regionale Schulen und verwandte Positionen
Eiermann lehrte von 1947 bis 1970 an der Technischen Hochschule Karlsruhe und formte dort eine ganze Generation von Architekten und Gestaltern. Seine Schule steht für einen süddeutschen Rationalismus, der sich von der eher expressiven Linie um Hans Scharoun ebenso abgrenzt wie von der reinen Ulmer Systematik der Hochschule für Gestaltung. Zu den Weggefährten und geistigen Nachbarn gehören Hans Gugelot und Otl Aicher aus Ulm, deren Arbeit für Braun und die Deutsche Lufthansa einen ähnlichen Anspruch an gestalterische Disziplin verfolgte.
Im Möbelbereich lassen sich Eiermanns Entwürfe in einen Kontext mit Herbert Hirche stellen, der als ehemaliger Bauhaus-Schüler ebenfalls klare, industriell gedachte Möbel entwarf, sowie mit Hans Bellmann und Paul Schneider-Esleben. Die Zusammenarbeit mit Herstellern wie Wilde+Spieth in Esslingen, später Richard Lampert in Stuttgart, verortet einen wesentlichen Teil dieser Produktion im südwestdeutschen Raum, während parallel in Nordrhein-Westfalen Fabrikanten wie Wilkhahn ähnliche Wege beschritten. Diese regionale Dichte an Herstellern mit einem Bekenntnis zur seriellen Moderne bildet den Boden, auf dem Eiermanns Werk gedeihen konnte.
Authentizität und Zustand für Sammler
Wer originale Eiermann-Entwürfe erwirbt, sollte Herkunft und Fertigungszeitraum genau prüfen. Die Stühle von Wilde+Spieth tragen in der Regel Herstellermarken, die je nach Epoche variieren: geprägte Metallplaketten, Papieretiketten oder gestempelte Signaturen an der Unterseite der Sitzschale. Frühe Ausführungen der 1950er und 1960er Jahre unterscheiden sich in Details wie Gleitern, Schraubenköpfen und Furnierstärken von späteren Reeditionen. Bei den Tischgestellen ist der Übergang zwischen historischer Produktion und der bis heute laufenden Fertigung fließend, weshalb der Zustand der Lackierung, die Ausführung der Verspannung und die Passgenauigkeit der Gewinde wichtige Indizien darstellen.
Für die Bewertung des Zustands lohnt ein prüfender Blick auf typische Schwachstellen: Roststellen an den Stahlrohren, insbesondere im Bereich der Bodenauflage, Absplitterungen an den Sperrholzkanten, ausgeschlagene Schraubverbindungen sowie Nachlackierungen, die die originale Oberfläche überdecken. Bei Tischplatten aus Linoleum sind Randabplatzungen und Verfärbungen üblich und bis zu einem gewissen Grad Ausdruck der Gebrauchsspur. Ein behutsam gepflegtes Original mit sichtbarer Patina ist einer aggressiv restaurierten Variante in der Regel vorzuziehen, sofern die konstruktive Integrität gewahrt bleibt. Provenienznachweise wie Rechnungen, Kataloge oder Bezüge zu institutionellen Interieurs steigern nicht nur den ideellen, sondern auch den sammlerischen Wert.
Auf mid-centurydesigns.com wird jedes Stück von Egon Eiermann individuell geprüft, dokumentiert und in seinen konstruktiven wie historischen Bezügen eingeordnet. Wir achten auf Herstellermarken, originale Oberflächen und die Kohärenz aller Bauteile, bevor ein Objekt in unsere Kuratierung aufgenommen wird. So findest du hier ausschließlich Entwürfe, deren Authentizität belastbar belegt ist und deren Zustand transparent beschrieben wird.