KATEGORIE · THONET S 64

Thonet S 64 – 1928 entworfen, seit 1930 produziert und bis heute ein Lehrstück aus Stahlrohr, Holz und Geflecht

Thonet datiert S 32 und S 64 auf 1928 und die Produktion auf 1930; das V&A beschreibt das verwandte Modell B32 als Stahlrohrstuhl mit gebogenem Buchenholz und Caning

Beim Thonet S 64 lohnt es sich, die Quellen genau zu lesen. Thonet schreibt, dass Marcel Breuer S 32 und S 64 1928 in Berlin entwarf und dass beide Modelle seit 1930 produziert werden. Das Victoria and Albert Museum beschreibt das Modell B32 von 1928 als Stuhl aus Stahlrohr mit Sitz- und Rückenflächen aus gebogenem Buchenholz und Rohrgeflecht. Knoll erinnert daran, dass der Stuhl ursprünglich als B32 bekannt war – also lange bevor sich der spätere Marktname Cesca durchsetzte.

mid-century·designs

Thonet S 64

ESSAY · 01

Werk & Kontext

mid-century·designs

Der S 64 wird klarer, wenn man ihn als Materialkreuzung liest und nicht nur als Stil-Ikone

Viele Angebote reden beim Thonet S 64 sofort von „Cesca“, als wäre damit schon alles gesagt. Die belastbaren Quellen sind präziser. Thonet schreibt, dass Marcel Breuer die Modelle S 32 und S 64 1928 in Berlin entwarf und dass Thonet beide seit 1930 produziert. Das Victoria and Albert Museum führt sein Objekt als Model B32, also mit der historischen Bezeichnung, und beschreibt sehr konkret einen Stuhl aus Stahlrohr mit gebogenem Buchenholz und Caning. Knoll ergänzt, dass der Entwurf ursprünglich als B32 bekannt war. Gerade diese drei Informationen zusammen sind für Käufer nützlicher als jeder bloße Ikonen-Reflex.

Im Kontext von Bauhaus und unserem Shop zeigt der S 64 exemplarisch, wie stark ein gutes Sammlungsobjekt von seiner sauber lesbaren Konstruktion lebt. Nicht der Name allein macht den Wert, sondern die überprüfbare Verbindung von Material, Modellgeschichte und Fertigungslogik.

Entscheidend ist der Kontrast aus traditionellem Geflecht und modernem Stahlrohr

Thonet beschreibt die S-32-/S-64-Familie als besonders erfolgreiche Verbindung aus Vienna wickerwork und tubular steel. Genau darin liegt die eigentliche Qualität des Entwurfs. Sitz und Rücken greifen mit Holzrahmen und Geflecht auf ältere Möbeltraditionen zurück, während das tragende Freischwingergestell den modernen, federnden Charakter herstellt. Der Stuhl ist also weder rein handwerkliche Reminiszenz noch bloß technischer Avantgardismus, sondern ein bewusstes Hybrid aus beidem.

Das V&A formuliert diese materielle Logik fast mustergültig: tubular steel, dazu seat and back panels of bent beechwood, filled with caning. Für den Vintage-Markt ist das Gold wert, weil man damit nicht nur eine Form, sondern eine überprüfbare Baubeschreibung hat. Wer einen angeblichen frühen S 64 beurteilen will, sollte daher zuerst auf Rohrdurchmesser, Holzrahmen, Geflechtqualität, Übergänge zwischen Holz und Stahl sowie spätere Erneuerungen des Sitzgeflechts achten.

S 64, B32 und Cesca sind keine beliebigen Schlagwörter, sondern Modellgeschichte

Besonders hilfreich ist, dass die Quellen unterschiedliche, aber zusammenpassende Namen verwenden. Thonet spricht heute vom S 64 und bezeichnet ihn als Version mit Armlehnen. Knoll verortet denselben Entwurf historisch unter der Bezeichnung B32 und beschreibt ihn als Stuhl mit cantilevered form. Das V&A nutzt ebenfalls Model B32. Für Sammler bedeutet das: Wenn ältere Literatur, Auktionen oder Händler nicht denselben Namen verwenden, ist das nicht automatisch ein Widerspruch. Oft wird lediglich eine andere Phase derselben Modellgeschichte benannt.

Gerade deshalb sollte man bei Angeboten nicht nur nach „Cesca Chair“ suchen, sondern immer auch nach B32, S 64 und Breuer/Thonet. Erst diese parallele Lektüre reduziert das Risiko, spätere Umdeutungen oder zu grobe Händlerbegriffe für historische Präzision zu halten.

Für die Einordnung im Alltag sind selbst aktuelle Thonet-Maße nützlich

Thonet nennt für den heutigen S 64 V konkrete Maße: 58 cm Breite, 82 cm Höhe, 60 cm Tiefe, 45 cm Sitzhöhe und 67 cm Armlehnenhöhe. Solche Daten ersetzen keine Provenienzforschung, aber sie helfen, spätere Ausführungen, Restaurierungen und unplausible Abweichungen besser zu erkennen. Wenn ein Objekt deutlich andere Proportionen hat, lohnt sich eine genauere Prüfung der Generation, des Herstellers oder möglicher Umarbeitungen.

Genau darin liegt der eigentliche Mehrwert des S 64 für einen qualitätsbewussten Markt: Er ist nicht nur schön fotografierbar, sondern ungewöhnlich gut quellenbasiert lesbar. Thonet liefert Produktions- und Typenlogik, das V&A die präzise Materialbeschreibung und Knoll die Einordnung der historischen Bezeichnung B32. Zusammen ergibt das einen deutlich besseren Kompass für Käufer als der pauschale Satz, der Stuhl sei eben „eine Designikone“.

Quellen

FAQ · 02

Häufig gefragt zu Thonet S 64

5 Antworten

01
Wann wurde der Thonet S 64 entworfen?
Thonet schreibt, dass Marcel Breuer die Modelle S 32 und S 64 1928 in Berlin entwarf. Das V&A datiert das eng verwandte Modell B32 ebenfalls auf 1928 und ergänzt, dass die Herstellung offenbar erst ab etwa 1930 einsetzte.
02
Seit wann produziert Thonet den S 64?
Laut Thonet werden S 32 und S 64 seit 1930 produziert. Diese Datierung ist für Käufer wichtig, weil sie zeigt, dass zwischen Entwurf und Serienfertigung unterschieden werden muss.
03
Woraus besteht das Modell konstruktiv?
Das V&A beschreibt Model B32 als Chair of tubular steel with seat and back panels of bent beechwood, filled with caning. Genau diese Materialkombination aus Stahlrohr, gebogenem Holz und Geflecht erklärt den besonderen Charakter des Entwurfs.
04
Was ist der Unterschied zwischen S 32, S 64 und B32?
Thonet erklärt S 32 als Grundtyp und nennt S 64 die Version mit Armlehnen. Knoll beschreibt den Entwurf historisch als ursprünglich unter der Bezeichnung B32 bekannt. Für den Markt bedeutet das, dass verschiedene Namen auf eng verwandte Modellgeschichten verweisen können.
05
Welche Maße nennt Thonet für den aktuellen S 64?
Auf der Produktseite nennt Thonet für den S 64 V unter anderem 58 cm Breite, 82 cm Höhe, 60 cm Tiefe, 45 cm Sitzhöhe und 67 cm Armlehnenhöhe. Solche Angaben helfen beim Abgleich mit historischen und späteren Ausführungen.

GLOSSAR · 03

Verwandte Begriffe

6 Einträge

Freischwinger
Stuhltyp ohne hintere Beine, dessen federnde Tragstruktur aus gebogenem Stahlrohr gebildet wird. Thonet bezeichnet den S 64 ausdrücklich als cantilever chair.
Marcel Breuer
Designer des S 64. Thonet, das V&A und Knoll nennen ihn übereinstimmend als Urheber des Entwurfs.
B32
Historische Modellbezeichnung, die Knoll für den Entwurf nennt und die das V&A für sein Sammlungsobjekt verwendet. Sie ist zentral, um ältere Quellen und spätere Vermarktungsnamen zusammenzulesen.
Rohrgeflecht
Geflechtmaterial für Sitz und Rücken. Das V&A spricht von caning, Thonet von characteristic Vienna wickerwork.
Gebogenes Buchenholz
Das V&A nennt bent beechwood für Sitz- und Rückenrahmen. Damit bleibt der Entwurf materiell mit der Thonet-Tradition des gebogenen Holzes verbunden.
Stahlrohr
Konstruktives Kernmaterial des Freischwingers. Thonet hebt den Kontrast zwischen traditionellem Geflecht und revolutionärem tubular steel hervor.