Rattan und Wiener Geflecht pflegen und erneuern
Geflochtene Sitzflächen, Lehnen und Korpusbespannungen gehören zu den empfindlichsten, zugleich aber prägendsten Elementen des Mid-Century-Möbelbaus. Wer einen Stuhl von Hans J. Wegner, einen Sessel von Franco Albini oder eine Kommode mit Rattanbespannung im Studio verwendet, kennt die Ambivalenz: Das Geflecht trägt die Ästhetik des Entwurfs, ist aber zugleich sein verletzlichstes Bauteil. Es reagiert auf Feuchte, auf Trockenheit, auf UV-Strahlung und auf punktuelle Belastung. Eine sachgemäße Pflege ist daher weniger Kosmetik als konservatorische Praxis, die den Wert eines Originals sichert.
Die folgenden Abschnitte fassen zusammen, was du über Materialkunde, historische Kontexte und die Beurteilung von Zustand und Authentizität wissen solltest, bevor du selbst reinigst, ausbessern lässt oder ein Neugeflecht in Auftrag gibst. Grundsatz: Jede Intervention sollte reversibel sein, materialgerecht ausgeführt und, wenn möglich, im Umfang minimal gehalten werden.
1. Charakteristische Materialien und ihre Eigenschaften
Im Mid-Century-Möbelbau begegnen dir im Wesentlichen drei geflochtene Materialqualitäten, die sich in Herkunft, Verarbeitung und Pflegebedarf unterscheiden.
Wiener Geflecht (Sechseckgeflecht): Vorgefertigte Bahnen aus dem gespaltenen Aussenhäutchen des Rotan-Rohrs (Calamus rotang), maschinell zum charakteristischen Achteckmuster verwoben und in eine gefräste Nut des Rahmens mit Keder eingesetzt. Es reagiert stark auf Luftfeuchte: Zu trockene Räume machen es spröde, zu feuchte lassen es ausleiern. Ideal sind 45 bis 55 Prozent relative Luftfeuchte. Reinigung erfolgt trocken mit weichem Pinsel oder Staubsauger auf niedriger Stufe; bei stärkerer Verschmutzung mit lauwarmem Wasser, wenigen Tropfen Kernseife und einem nur nebelfeuchten Tuch, danach flach trocknen lassen. Hängt ein Wiener Geflecht durch, kann es einmalig mit warmem Wasser von der Unterseite befeuchtet werden; beim Trocknen zieht es sich wieder straff.
Handgeflochtenes Rohrgeflecht (Cane, sieben Arbeitsgänge): Bei hochwertigen Rahmen mit umlaufender Lochreihe erkennbar. Diese Technik wurde etwa bei skandinavischen Stühlen der Nachkriegsjahre eingesetzt, unter anderem an mehreren Modellen von Wegner. Ein Neugeflecht durch eine erfahrene Werkstatt ist aufwendig und in der Regel die einzig authentische Ersatzoption.
Peddigrohr und Rattan-Kern: Vollrund oder halbrund verarbeitet, meist als geflochtene Lehne, Korpusbespannung oder Wickelung an Metall- und Holzgestellen (Albini, Bonacina, Gebrüder Thonet, Lio Carminati). Peddig ist robuster als Wiener Geflecht, wird bei Belastung aber punktuell brüchig. Regelmäßiges Abstauben und einmal jährliches leichtes Einlassen mit einem farblosen, wachsbasierten Möbelpflegemittel hält die Fasern geschmeidig. Öle auf Leinölbasis sind zu vermeiden, sie vergilben und verkleben die Zwischenräume.
Für alle Geflechte gilt: keine direkte Sonne, kein Standort über Heizkörpern, keine Sitzkissen mit rutschfester Gummierung, die das Material lokal überhitzen und ausbluten lässt.
2. Regionale Schulen und Designer
Geflochtene Elemente sind in mehreren Zentren der Mid-Century-Moderne prägend geworden, jeweils mit eigener Formensprache.
Dänemark: Hans J. Wegner nutzte Papiergarn (paper cord) und Rohrgeflecht als tragende Sitzflächen, etwa am CH24 (Wishbone Chair, 1949, Carl Hansen & Søn) mit envelope-geflochtenem Papiergarn oder am PP512 mit Rohrgeflecht. Nanna Ditzel arbeitete für R. Wengler und später Sika-Design mit Peddig und Rattan, sichtbar in Entwürfen wie dem Hanging Egg Chair (1957). Auch Kaare Klint und Rud. Rasmussen führten Rohrgeflecht in klassisch-modernen Rahmen.
Italien: Franco Albini prägte mit dem Sessel Margherita und dem Modell Gala (1951, Bonacina 1889 in Lurago d’Erba) eine Formsprache, in der Rattan konstruktiv und ornamental zugleich wird. Gio Ponti, Tito Agnoli und später Afra und Tobia Scarpa griffen Rattan und Peddig ebenfalls auf.
Frankreich: Audoux-Minet in Golfe-Juan verband Cord und geflochtenes Seil mit reduzierten Gestellen. Louis Sognot und Janine Abraham entwarfen Rattanmöbel für Édition Rougier.
Deutschland und Österreich: Die Tradition des Wiener Geflechts reicht über Thonet bis in die Mid-Century-Produktion, etwa bei den Modellen 214 sowie den Bugholz-Reeditionen der 1950er und 1960er Jahre. In den Niederlanden nutzten Dirk van Sliedregt und Rohé Noordwolde Rattan für Serienstühle mit hoher gestalterischer Präzision.
Diese Zuordnungen helfen dir, ein Stück stilistisch und produktionsgeschichtlich zu verorten und daraus abzuleiten, welche Reparaturtechnik überhaupt in Frage kommt.
3. Authentizität und Zustand aus Sammlerperspektive
Beim Ankauf oder bei der Restaurierungsentscheidung sind drei Ebenen zu prüfen: Substanz des Gestells, Originalität des Geflechts und Qualität etwaiger Vorarbeiten.
Substanz des Gestells: Prüfe Zapfenverbindungen, Nussfassungen und Rahmennuten. Ein Stuhl mit lockeren Verbindungen sollte zuerst verleimt werden, bevor neues Geflecht gespannt wird. Andernfalls arbeitet das Holz gegen das Geflecht, und die Neubespannung reißt vorzeitig.
Originalität des Geflechts: Nicht jedes Originalgeflecht ist erhaltenswert um jeden Preis. Ein historisch bedeutsames Stück mit intaktem, gealterten Originalgeflecht ist einem neu bespannten Exemplar sammlerisch überlegen, sofern die Nutzung schonend bleibt. Ein mehrfach geflicktes, gerissenes Geflecht dagegen ist meist besser durch eine fachgerechte Neubespannung in identischer Technik zu ersetzen. Achte auf Machart (Sechseckgeflecht maschinell versus sieben Arbeitsgänge handgeflochten), auf Materialdurchmesser und auf die Farbtiefe der Alterung. Chemisch gebleichte oder mit Beize künstlich patinierte Neuarbeiten erkennst du an gleichmäßiger, oberflächlicher Färbung ohne Tiefe.
Provenienz und Dokumentation: Herstellermarken (eingebrannte Stempel, Metallplaketten, genähte Etiketten bei Sitzkissen), Rechnungen und Publikationsnachweise erhöhen die Sicherheit. Bei italienischen Rattanmöbeln lohnt der Abgleich mit Herstellerkatalogen von Bonacina, Vittorio Bonacina und Pierantonio Bonacina; bei dänischen Stühlen mit den Werksverzeichnissen von Carl Hansen & Søn, PP Møbler und Fredericia.
Bewertung von Restaurierungen: Eine dokumentierte, handwerklich sauber ausgeführte Neubespannung mindert den Wert weniger als eine ungenaue Reparatur. Frag nach, wer die Arbeit ausgeführt hat, welches Material verwendet wurde und ob Fotos vom Vorzustand existieren.
Auf mid-centurydesigns.com prüfen wir jedes geflochtene Stück vor Aufnahme in den Bestand auf Rahmenintegrität, Originalität der Bespannung und Qualität vorhandener Restaurierungen. Wo ein Neugeflecht notwendig ist, arbeiten wir mit spezialisierten Werkstätten in Dänemark, Italien und Deutschland, die die jeweils originale Technik beherrschen. Zu jedem Objekt findest du Angaben zu Hersteller, Datierung, Materialzustand und dokumentierten Eingriffen, damit du deine Entscheidung auf einer belastbaren Grundlage triffst.