Poul Kjærholm und die Präzision des Stahls
Poul Kjærholm (1929–1980) nimmt innerhalb des dänischen Mid-Century Modern eine Sonderstellung ein. Während Zeitgenossen wie Hans J. Wegner oder Finn Juhl das warme, handwerkliche Holz zur Grundlage ihrer Formensprache machten, entschied sich Kjærholm für den kühlen, industriell gefertigten Federstahl als tragendes Element. Ausgebildet als Tischler, später Absolvent und Dozent der Kunsthandwerkerschule Kopenhagen, verstand er Möbel nicht als Skulptur, sondern als konstruktive Aufgabe. Seine Entwürfe entstehen aus einem präzisen Verhältnis von Tragwerk, Auflage und Proportion, das den Betrachter selten überrascht, aber dauerhaft überzeugt.
Die berühmte PK-Serie, ab 1955 zunächst von Ejvind Kold Christensen und seit 1982 von Fritz Hansen produziert, ist heute eines der am gründlichsten dokumentierten Œuvres der skandinavischen Moderne. Wer sich für originale Ausführungen interessiert, bewegt sich in einem Markt, in dem Datierung, Produzentenmarkierungen und der Zustand des Stahls den Wert eines Stücks maßgeblich bestimmen. Die folgenden Abschnitte geben eine Orientierung für Sammler und Gestalter, die Kjærholms Arbeiten nicht nur besitzen, sondern verstehen möchten.
Charakteristische Materialien: Federstahl, Leder, Naturstein
Kjærholms Materialkanon ist überschaubar und konsequent. Zentral ist matt gebürsteter Federstahl, den er als kalt gewalztes Bandmaterial verarbeiten ließ. Beim PK22 (1956), dem PK24 Chaiselongue (1965) oder dem PK20 Sessel (1967) trägt dieses Gestell die eigentliche gestalterische Last: Es zeichnet die Silhouette, spannt die Fläche auf und verweist zugleich auf die industrielle Produktion, ohne sie zu verstecken.
Als Auflagen wählte Kjærholm bevorzugt Naturmaterialien mit ausgeprägter Alterungsästhetik. Häufig zu finden sind:
- Leder in Natur, Schwarz oder Elegance-Qualitäten, oft sattelfarben, das mit den Jahren eine ausgeprägte Patina entwickelt.
- Geflochtenes Rohrgeflecht, etwa beim PK22 in seiner klassischen Cane-Ausführung.
- Segeltuch (Canvas) beim PK24, das mit einem Nackenrollen-Gegengewicht aus Edelstahl arbeitet.
- Schieferplatten, Marmor und Cipollino für Tischplatten der Serien PK61, PK54 und PK71.
- Massivholz wie Ahorn, Eiche oder Kernesche, sparsam eingesetzt, meist für Tischplatten oder untergeordnete Bauteile.
Die Verbindung dieser Materialien folgt einem klaren Prinzip: Der Stahl bleibt sichtbar, die weichen oder mineralischen Auflagen ruhen auf ihm, ohne ihn zu verdecken. Diese Trennung von Tragen und Getragenem ist der eigentliche gestalterische Gedanke der PK-Serie.
Regionale Schulen und Designer: Kopenhagen zwischen Mies und Wegner
Kjærholm arbeitete in einem Umfeld, das von zwei Polen bestimmt war. Auf der einen Seite stand die dänische Tischlertradition, wie sie in den Snedkerlaugets Møbeludstillinger im Kopenhagener Kunstindustriemuseum jährlich präsentiert wurde und Designer wie Wegner, Mogens Koch oder Ole Wanscher prägte. Auf der anderen Seite die internationale Moderne von Mies van der Rohe, Marcel Breuer und Charlotte Perriand, deren Stahlrohrmöbel Kjærholm eingehend studierte.
Sein Beitrag lag darin, beide Traditionen zu verschränken. Vom deutschen Bauhaus übernahm er die Idee des industriellen Materials, vom dänischen Handwerk die Genauigkeit der Fügung, die Sorgfalt bei Kanten und Übergängen und die Nähe zum Nutzer. Innerhalb der dänischen Szene bildete er mit Verner Panton, Arne Jacobsen und Grete Jalk eine Gruppe, die sich bewusst von der reinen Holzmoderne absetzte. Jacobsens Serien 3100 und 3300 für Fritz Hansen, Pantons experimentelle Kunststoffarbeiten und Kjærholms Stahlgestelle definierten gemeinsam eine dänische Moderne, die international anschlussfähig war.
Die 1955 begonnene Zusammenarbeit mit Ejvind Kold Christensen sicherte Kjærholm eine kleine, aber sehr konsequent produzierte Serie. Erst nach seinem frühen Tod 1980 übernahm Fritz Hansen 1982 die Rechte und führt die Produktion bis heute unter der Bezeichnung “Kjærholm Collection” fort.
Authentizität und Zustand: Worauf Sammler achten
Für die Bewertung originaler Kjærholm-Stücke sind mehrere Kriterien maßgeblich. Erstens die Produzentenmarkierung: Modelle aus der Werkstatt Kold Christensens tragen häufig eine geprägte oder gestempelte Marke “E. Kold Christensen A/S” mit dem charakteristischen EKC-Logo, meist unterseitig am Stahlgestell. Fritz-Hansen-Ausführungen ab 1982 sind mit dem geprägten Fritz-Hansen-Stempel und Jahresangabe versehen.
Zweitens der Zustand des Federstahls. Da Kjærholm auf Beschichtungen verzichtete und den Stahl matt bürsten ließ, ist die Oberfläche empfindlich gegen Feuchtigkeit. Flugrost, Lochfraß oder frühere unsachgemäße Nachpolituren mindern den Wert deutlich. Eine gleichmäßige, feine Bürstenspur in Längsrichtung ist Kennzeichen originaler Ausführung.
Drittens die Auflagen. Bei Ledermodellen sind die ursprünglichen, handvernähten Kissen mit den charakteristischen Riemenaufhängungen wertbestimmend. Nachbezüge sind bei intensiver Nutzung akzeptabel, sollten jedoch dokumentiert und in Material, Farbe und Nahtbild originalgetreu ausgeführt sein. Bei Rohrgeflecht ist ein fachgerecht neu geflochtener Sitz einem beschädigten Original meist vorzuziehen, sofern das Gestell unberührt bleibt.
Viertens die Datierung. Frühe Kold-Christensen-Ausführungen der 1950er und 1960er Jahre erzielen am Sammlermarkt deutlich höhere Preise als spätere Fritz-Hansen-Auflagen. Rechnungen, Fotografien aus Vorbesitz oder Auktionsprovenienzen erhöhen die Sicherheit erheblich.
Auf mid-centurydesigns.com werden Arbeiten aus der PK-Serie ausschließlich nach Prüfung von Marke, Gestellzustand und Auflage aufgenommen. Jedes Stück wird auf Produzentenstempel, Oberflächenbeschaffenheit des Federstahls und Originalität der Bezüge untersucht, dokumentiert und mit den verfügbaren Angaben zur Provenienz beschrieben. So findest Du Kjærholm-Entwürfe, deren Zuschreibung belastbar ist und deren Zustand sich transparent nachvollziehen lässt.
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