George Nakashima und die Philosophie des lebenden Holzes
George Nakashima (1905–1990) gehört zu den prägenden Figuren des amerikanischen Studio Craft und verbindet in seinem Werk japanische Handwerkstradition, modernistische Klarheit und ein tief empfundenes Verhältnis zum Material. Nach seinem Architekturstudium am MIT, Jahren in Paris, Tokio und einer Mitarbeit bei Antonin Raymond in Indien folgte 1942 die Internierung im Lager Minidoka in Idaho, wo ihn der japanischstämmige Zimmermann Gentaro Hikogawa in traditionelle Holzverbindungen und den achtsamen Umgang mit dem Werkstoff einführte. Diese Erfahrung wurde zum Fundament der 1946 in New Hope, Pennsylvania gegründeten Werkstatt.
Nakashimas Haltung, festgehalten in seinem Buch The Soul of a Tree (1981), begreift den Entwurf als Dialog mit dem Baum. Nicht der Wille des Gestalters formt das Möbel, sondern die im Holz angelegte Struktur, die Risse, die Aststellen, die freien Kanten. Die charakteristische free edge, die belassene Waldkante, die mit Butterfly Joints stabilisierten Trockenrisse und die spannungsreichen Book-Match-Platten sind kein dekoratives Vokabular, sondern Ausdruck einer materialethischen Praxis. Für Sammler und Designer bedeutet das: Jedes authentische Nakashima-Stück ist ein Unikat, dessen Wert sich aus Provenienz, Holzwahl und der konsequenten Umsetzung dieser Philosophie speist.
Materialien: Walnuss, Kirsche und die Sprache der Maserung
Nakashimas bevorzugtes Holz war der amerikanische Schwarznussbaum (Juglans nigra), oft aus Pennsylvania und den umliegenden Staaten. Die Werkstatt lagerte über Jahre hinweg großformatige Bohlen luftgetrocknet, um Slabs für Conoid-, Minguren- und Frenchman’s-Cove-Tische bereitzuhalten. Neben Walnuss finden sich Wild Cherry, English Oak, Persian Walnut sowie seltene Hölzer wie Redwood-Burl, Buckeye-Burl und ostasiatische Keyaki-Platten, die Nakashima gezielt für außergewöhnliche Auftragsarbeiten einsetzte.
Konstruktiv verbindet er diese Platten mit sichtbaren Butterfly Joints aus kontrastierendem Rosenholz oder ebenfalls Walnuss, mit gedübelten Zargen und mit den typischen gedrechselten Spindeln der Conoid- und Mira-Chairs. Untergestelle aus massiver Walnuss oder, bei größeren Konferenztischen, aus schwarz lackiertem Stahl (etwa bei den Minguren-Tischen) bleiben bewusst zurückhaltend, damit die Platte im Zentrum steht. Die Oberflächen sind traditionell handgeölt, nicht hochglänzend lackiert, so bleibt die Haptik der offenen Pore erhalten.
Regionale Schule: New Hope, Weggefährten und Nachfolge
Die Werkstatt in New Hope am Delaware River wurde zum Zentrum einer eigenen Schule innerhalb des amerikanischen Studio-Craft-Movements. In geistiger Nähe standen Wharton Esherick in Paoli, Pennsylvania, sowie die etwas jüngeren Sam Maloof (Kalifornien) und Wendell Castle (New York). Gemeinsam ist ihnen der Anspruch, Entwurf, Materialauswahl und Ausführung in einer Hand zu behalten und sich von der industriellen Serienproduktion abzugrenzen, wie sie zeitgleich bei Herman Miller oder Knoll stattfand.
Nakashima selbst arbeitete jedoch auch mit der Industrie: Von 1957 bis in die späten 1960er-Jahre entwarf er für Widdicomb-Mueller die Origins-Serie, Anfang der 1940er-Jahre entstanden Entwürfe für Knoll, darunter der Straight Chair. Diese Serienstücke sind sammlungswürdig, aber klar von den in New Hope handgefertigten Studio Pieces zu unterscheiden. Nach Nakashimas Tod 1990 führt seine Tochter Mira Nakashima die Werkstatt weiter, entwickelt eigene Entwürfe wie den Keisho-Tisch und fertigt weiterhin nach den Originalzeichnungen. Stücke von Mira Nakashima haben inzwischen einen eigenständigen Markt.
Authentizität und Zustand: Worauf Sammler achten
Der maßgebliche Authentizitätsbeleg ist die originale Auftragskarte (shop order card), die im Archiv der Nakashima Studios in New Hope hinterlegt ist. Auf Anfrage stellt die Werkstatt für viele Stücke eine Bestätigung mit Kundennamen, Datum, Holzangabe und Skizze aus. Frühe Arbeiten sind gelegentlich mit dem Namen des Erstbesitzers auf der Unterseite in schwarzer Tinte signiert, eine durchgängige Werkstattsignatur oder ein Brandzeichen existiert nicht. Das Fehlen einer Signatur ist also kein Ausschlusskriterium, die Archivrecherche hingegen zentral.
Beim Zustand gilt: Trockenrisse, kleine Aststellen und eine leicht nachgedunkelte Walnuss-Patina sind gewollt und wertsteigernd, nicht ein Mangel. Kritisch zu prüfen sind hingegen nachträgliche Nachschliffe, die die freie Kante brechen, aggressive Neulackierungen, die die geölte Oberfläche versiegeln, sowie ersetzte Butterfly Joints oder Spindeln. Bei Conoid- und Mira-Chairs lohnt der Blick auf die Verbindung zwischen Sitzschale und Spindeln, hier zeigen sich Nutzungsspuren zuerst. Serienstücke der Widdicomb-Origins-Linie tragen üblicherweise ein Papieretikett oder eine gestempelte Modellnummer, deren Vorhandensein den Marktwert deutlich beeinflusst.
Auf mid-centurydesigns.com kuratieren wir Arbeiten von George Nakashima und seinem Umfeld mit dem Anspruch, jedes Stück auf Provenienz, Archivbezug und Zustand zu prüfen. Wo verfügbar, dokumentieren wir die shop order card, den Erstbesitzer und die Restaurierungshistorie transparent, damit du als Sammlerin oder Sammler eine Entscheidung auf belastbarer Grundlage triffst.