Eero Saarinen und die Sprache der organischen Struktur
Wenn du dich mit Eero Saarinen (1910–1961) beschäftigst, betrittst du ein Werk, in dem Architektur und Möbeldesign derselben Formidee folgen: der Auflösung des starren rechten Winkels zugunsten fließender, tragender Kurven. Der in Kirkkonummi geborene und ab 1923 in den USA lebende Sohn des Architekten Eliel Saarinen studierte Bildhauerei in Paris und Architektur in Yale, bevor er im Büro seines Vaters an der Cranbrook Academy of Art arbeitete. Genau dort, im Umfeld von Charles Eames, Florence Knoll (geborene Schust), Harry Bertoia und Ray Kaiser, formt sich jene Haltung, die man später als “organischen Strukturalismus” bezeichnen wird: die Suche nach einer einzigen, plastisch durchdachten Form, die Funktion, Statik und Ausdruck zusammenführt.
Der Durchbruch beginnt 1940 mit dem gemeinsam mit Charles Eames eingereichten Beitrag zum MoMA-Wettbewerb “Organic Design in Home Furnishings”, der beide Entwerfer mit ihren schalenförmigen Sitzmöbeln aus formverleimtem Sperrholz auszeichnet. Von dort spannt sich der Bogen über den Womb Chair (Modell 70, 1948 für Knoll) und die Pedestal Group, besser bekannt als Tulip-Serie (1955/56), bis zu den späten architektonischen Manifesten: dem TWA Flight Center am New Yorker JFK-Flughafen (1956–1962, posthum eröffnet) und dem Dulles International Airport Terminal (fertiggestellt 1962). Saarinen selbst formulierte das gestalterische Ziel der Pedestal-Serie als Reinigung des “Slums der Beine” unter Tischen und Stühlen. Diese Konsequenz, ein Möbel als Skulptur mit einem einzigen Stützpunkt zu denken, verbindet seine Möbel direkt mit den Schalendächern und Gewölben seiner Bauten. Wer heute Originale sammelt, sammelt keine Stilzitate, sondern gebaute Ideen.
Charakteristische Materialien und Konstruktionsweisen
Saarinens Formensprache ist ohne die Materialentwicklung der Nachkriegszeit nicht denkbar. Der Womb Chair kombiniert eine formgepresste Schale aus glasfaserverstärktem Polyester mit einem verchromten Stahlrohrgestell und einer separaten Polsterung aus Latex- oder Schaumstoffauflagen mit textilem Bezug. Damit gehört er zu den ersten seriengefertigten Wohnmöbeln, die Kunststofftechnologien aus dem Flugzeugbau in den privaten Innenraum übertragen.
Die Pedestal Group, ab 1957 von Knoll Associates produziert, arbeitet mit einem konstruktiven Kompromiss, den Saarinen selbst offen benannte: Er wünschte sich Sitzschale und Fuß aus einem einzigen Material, die damals verfügbaren Kunststoffe erreichten jedoch nicht die nötige Festigkeit im Fußbereich. Die Lösung ist ein gegossener, innen ausgebleiter Fuß aus Aluminium mit weißer Rilsan- beziehungsweise heute Polyurethan-Beschichtung, kombiniert mit einer Schale aus glasfaserverstärktem Polyester. Erst die einheitlich weiße Lackierung erzeugt die Illusion des monolithischen Objekts. Die Tischplatten der Serie sind, je nach Ausführung, aus Marmor (klassisch Arabescato oder Calacatta), laminiertem Kunststoff oder furniertem Holz gefertigt.
Beim Grasshopper Chair (1946) und dem 70er-Womb-Programm dominiert dagegen formverleimtes Sperrholz, während die Modelle 71 und 72 (1950 für Knoll) auf ein filigranes Stahlrohrgestell mit gepolsterter Sitzschale setzen. Diese Reihe wird häufig als “Stahlarmsessel” oder “Executive Chair” gehandelt und zeigt Saarinens Interesse an einer disziplinierten, industriellen Fertigung jenseits der bildhauerischen Geste.
Cranbrook, Knoll und das transatlantische Netzwerk
Saarinens Werk ist ohne die Cranbrook Academy of Art in Bloomfield Hills, Michigan, nicht zu verstehen. Unter der Leitung seines Vaters Eliel Saarinen entstand dort in den 1930er und 1940er Jahren ein Milieu, aus dem eine ganze Generation prägender Entwerfer hervorging: Charles und Ray Eames, Florence Knoll, Harry Bertoia, Jack Lenor Larsen und Ruth Adler Schnee. Die Cranbrook-Prägung erklärt die Nähe zwischen Saarinens Schalenmöbeln, Eames’ Sperrholzarbeiten und Bertoias Drahtgeflechten: gemeinsame Materialexperimente, gemeinsame Fertigungspartner, geteilte Auffassung von Handwerk als Denken in Prototypen.
Die zweite Achse ist die Verbindung zu Knoll. Florence Knoll, mit Saarinen freundschaftlich seit Cranbrook verbunden, integrierte seine Entwürfe ab 1943 in das Programm von Hans und Florence Knoll und schuf damit einen der wichtigsten Distributionskanäle für amerikanisches Mid-Century-Design. Knoll International übernahm ab 1957 die europäische Fertigung und Lizenzierung, was für die heutige Provenienzprüfung entscheidend ist: europäische Ausführungen tragen andere Prägungen und Etiketten als die US-Produktion aus East Greenville und Grand Rapids.
Innerhalb der US-amerikanischen Mid-Century-Landschaft steht Saarinen für die Ostküsten-Linie einer skulpturalen Moderne, komplementär zur kalifornischen Werkstattkultur der Eames Office in Venice und zur skandinavisch geprägten, holzbetonten Schule, die parallel in Dänemark unter Wegner, Juhl und Mogensen entstand. Der Dialog mit Europa blieb dabei konstant: Saarinens frühe Pariser Ausbildung, das finnische Erbe, die spätere Zusammenarbeit mit Kevin Roche und Cesar Pelli in seinem Büro in Bloomfield Hills machten ihn zu einer Scharnierfigur zwischen kontinentaler Architekturtradition und amerikanischer Industriemoderne.
Authentizität, Zustand und Provenienz beim Sammeln
Wer Saarinen-Originale kauft, prüft mehrere Ebenen. Erstens die Etikettierung: Knoll-Möbel aus unterschiedlichen Produktionsphasen tragen unterschiedliche Label. Frühe Stücke aus den 1950er und 1960er Jahren zeigen häufig Papier- oder Metalletiketten mit den Adressen “320 Park Avenue” oder späteren Standorten, ab den 1970er Jahren dominieren geprägte Metallplaketten und aufgeklebte Chargenetiketten. Bei der Pedestal-Serie ist das aufgeklebte Herstelleretikett unter der Sitzschale beziehungsweise unter der Tischplatte ein zentrales Prüfmerkmal, ebenso wie die Materialqualität des Fußes, der bei Originalen aus lackiertem Gussaluminium, nicht aus Kunststoff besteht.
Zweitens der Zustand der Beschichtung. Die weiße Rilsan-Beschichtung der frühen Tulip-Fuße zeigt mit den Jahren typische Vergilbungen, Haarrisse an den Kanten und mitunter Ausbrüche am Fußring. Fachgerechte Neubeschichtungen sind möglich, mindern aber, wenn nicht offengelegt, den Sammlerwert. Bei Marmorplatten sind Reparaturen an Kantenabplatzungen und Nachpolituren üblich; komplett ersetzte Platten sind als solche zu kennzeichnen. Beim Womb Chair prüfst du die Schale auf Haarrisse im Fiberglas, das Gestell auf originale Verchromung und die Polsterung auf Nachbezüge, die häufig sind und den Wert nur dann mindern, wenn sie nicht dem originalen Textilprogramm folgen.
Drittens die Provenienz. Auktionsergebnisse, Kaufbelege aus Erstbesitz, Innenarchitektenrechnungen oder objektbezogene Fotografien aus dem Erwerbszeitraum sind bei signifikanten Stücken ein wesentlicher Wertfaktor. Reproduktionen und Lizenznachbauten unterscheiden sich von Erstproduktionen durch Detailmaße, Materialstärken, Schrauben- und Verbindungslösungen sowie durch das Fehlen zeittypischer Gebrauchsspuren.
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