Charles & Ray Eames – Das Duo der Innovation
Charles Eames (1907–1978) und Ray Kaiser Eames (1912–1988) haben Mid-Century-Modern nicht nur mitgeprägt, sie haben die Methode neu gedacht, wie Möbel entstehen. Ihre Arbeit beginnt nicht mit einem Entwurf, sondern mit einem Material und einer Frage: Wie weit lässt sich Sperrholz biegen, ohne zu brechen? Wie leicht kann eine Sitzschale werden, ohne an Halt zu verlieren? Wie viele Menschen erreicht eine gute Idee, wenn sie industriell produziert wird? Aus dieser Haltung entstand zwischen 1941 und den späten 1970er-Jahren ein Werk, das von der medizinischen Beinschiene aus dem Zweiten Weltkrieg über die legendären Plywood- und Fiberglass-Stühle bis zum Lounge Chair 670/671 von 1956 reicht, und darüber hinaus zu Filmen, Ausstellungen und den frühen Multimedia-Präsentationen im Auftrag von IBM.
Für Sammler ist das Œuvre der Eames deshalb so anspruchsvoll wie lohnend: Die Stücke wurden über Jahrzehnte in unterschiedlichen Werken gefertigt, in Los Angeles bei Evans Products, ab 1946 unter Lizenz bei Herman Miller in Zeeland, Michigan, und in Europa seit 1957 bei Vitra in Weil am Rhein. Kleine Details, Etiketten, Schrauben, Schaumdichten, Furnierschichten, entscheiden über Datierung, Provenienz und Wert. Wer sich mit den Eames beschäftigt, betreibt Materialkunde ebenso wie Designgeschichte.
Charakteristische Materialien und technische Handschrift
Das erste Signaturmaterial der Eames ist formverleimtes Sperrholz. Die 1942 für die US-Marine entwickelte Plywood Leg Splint, eine anatomisch geformte Beinschiene aus Birkenschichtholz, war das Labor für alles Folgende. Aus dem gleichen Verfahren, dem sogenannten Kazam!-Verfahren mit Formen und Wärmehärtung, entstanden 1945/46 die LCW- und DCW-Stühle sowie die Plywood Screens und Kinderstühle. Typisch sind sichtbare Furnierlagen an den Kanten, Gummi-Shockmounts als schwingende Verbindung zwischen Sitzschale und Gestell, und Furniere aus Ahorn, Birke, Nussbaum, Rosenholz und, in den frühen Jahren, Calico Ash.
Ab 1948 kommt Fiberglass hinzu, entwickelt für den MoMA-Wettbewerb “International Competition for Low-Cost Furniture Design”. Die Schalenstühle der Serien DAX, DAR, RAR und DSW zeigen in den originalen Ausgaben bis 1989 die typische faserige Oberflächenstruktur mit sichtbaren Glasfaserbündeln, die “Rope Edge” der frühen Zenith-Produktion (1950–1953) und im Gegenlicht die charakteristische Transluzenz. Parallel arbeiteten die Eames mit verchromtem und schwarz beschichtetem Stahldraht (Wire Chair DKR, 1951), mit Aluminium (Aluminium Group, 1958, und Soft Pad, 1969) und schließlich mit Rosenholz, Aluminium-Druckguss und Lederpolstern beim Lounge Chair 670 samt Ottoman 671. Auch die weniger bekannten Stücke, etwa die ESU Storage Units (1949/50) mit lackierten Sperrholzflächen in Zinc-Chromate-Gelb, Dimensionalweiß und Rot oder die Hang-It-All-Garderobe (1953), gehören zu diesem Materialkosmos.
Regionale Schulen, Weggefährten und produzierende Werke
Die Eames arbeiteten nie im luftleeren Raum. Charles Eames lernte in den späten 1930er-Jahren an der Cranbrook Academy of Art in Michigan Eero Saarinen kennen, mit dem er 1940 den MoMA-Wettbewerb “Organic Design in Home Furnishings” gewann. Cranbrook unter Eliel Saarinen war das amerikanische Pendant zur europäischen Moderne und Ausgangspunkt einer ganzen Generation: Florence Knoll, Harry Bertoia, der später den Wire Chair für Knoll entwickelte, und Ruth Adler Schnee.
In Los Angeles, wohin Charles und Ray 1941 zogen, entstand ein zweiter Bezugsrahmen: das Case Study House Program der Zeitschrift Arts & Architecture unter John Entenza. Case Study House #8, das Eames House in Pacific Palisades von 1949, ist bis heute Manifest dieses kalifornischen Modernismus, gemeinsam mit den Arbeiten von Richard Neutra, Pierre Koenig, Craig Ellwood und Raphael Soriano. Produktionsseitig sind drei Namen zentral: Evans Products in Venice, Kalifornien, für die frühen Plywood-Serien, Herman Miller unter George Nelson als Design Director für die weltweite Distribution, und Vitra in Weil am Rhein, das seit 1957 die europäischen Lizenzen hält und heute die Originalrechte für Europa und den Nahen Osten führt. In diesem Umfeld bewegten sich Zeitgenossen wie George Nelson, Isamu Noguchi und Alexander Girard, dessen Textilien häufig zusammen mit Eames-Möbeln inszeniert wurden.
Authentizität, Zustand und was Sammler prüfen sollten
Bei Eames-Stücken entscheidet die Etikettierung über Datierung. Frühe Herman-Miller-Produktionen tragen kreisförmige oder rechteckige Papier- und Foil-Labels, häufig mit der Aufschrift “Herman Miller Furniture Company, Zeeland, Michigan”. Ab Mitte der 1950er-Jahre finden sich das schwarz-weiße “M”-Logo (ab 1946 entworfen von Irving Harper im Büro George Nelson) und später eingeprägte Metallplaketten. Bei Vitra-Produktionen sind die geprägten Kunststoff- oder Metalltypenschilder unter der Sitzschale beziehungsweise am Gestell aussagekräftig.
Bei den Plywood Chairs (LCW, DCW, LCM, DCM) prüfst Du die Shockmounts: Originale Gummidämpfer altern, verhärten und lösen sich; ein fachgerechter Austausch ist konservatorisch akzeptiert, sofern die Sperrholzschalen dabei nicht durch Bohrungen beschädigt wurden. Achte auf Furnieroberflächen ohne großflächige Nachlackierung, auf intakte Kantenschichten und, bei frühen Ausgaben, auf die 5-2-5-Schichtung der Sitzschale.
Bei den Fiberglass Shells unterscheidet man die Zenith-Rope-Edge-Serie (1950–1953, mit eingelegtem Hanfseil an der Schalenkante), die frühen Herman-Miller-Produktionen bis Mitte der 1950er, und die späteren Serien bis 1989. Nachfolgende Neuauflagen ab 1999 bei Herman Miller und ab 2004 bei Vitra unterscheiden sich in Materialrezeptur (heute teils Polypropylen oder neu formuliertes Fiberglass), Farbpalette und Bodenglides. Für den Lounge Chair 670 sind Details wie die Anzahl der Furnierlagen der Schalen (frühe Ausgaben mit 5 Lagen Rosenholz, spätere mit 7), die Form der Rückenlehnen-Verbindung, das Down-Filling der frühen Kissen und die originale Bodenplatte des Ottoman aussagekräftig. Beim Rosenholz beachte den Washingtoner Artenschutz (CITES): Dalbergia-Hölzer aus Vorproduktionen vor 1992 sind mit entsprechender Dokumentation handelbar.
Zustandlich gilt: Patina an Aluminium, leichte Craquelé-Muster im Fiberglass und dezente Gebrauchsspuren am Leder sind Teil der Geschichte und werten ein Original nicht ab. Strukturelle Eingriffe, ersetzte Schalen, überlackierte Sperrholzflächen oder unpassende Bezugsstoffe hingegen mindern Provenienz und Wert erheblich.
Auf mid-centurydesigns.com findest Du ausschließlich Stücke, die wir hinsichtlich Werk, Baujahr, Etikettierung und Zustand einzeln geprüft haben. Jedes Eames-Objekt wird mit Angaben zu Hersteller, Produktionszeitraum, Materialbefund und dokumentierten Restaurierungsschritten vorgestellt, damit Du als Sammler oder Gestalter auf einer belastbaren Grundlage entscheiden kannst.
